Tanzstundenfächer bis 1920

Viele Tanzstundenfächer 2wurden zuerst zur Tanzstunde benutzt, später dann noch zu verschiedenen Bällen. Bei diesem hier ist besonders gut zu erkennen: zunächst die Tanzstunde im Jahr 1909, dann der Seminarball und der Realgymnasiastenball 1910. Da war was los! Interessant auch die Zeichnungen, vermutlich nicht während eines Ballvergnügens entstanden (oder gerade!). Die gold-blauen Querstreifen stehen wie die oft vorkommenden Veilchen meines Wissens für Bescheidenheit und Treue, es könnte sich aber auch um die Farben einer Schüler- oder Studentenverbindung handeln. Das Vergissmeinnicht ist selbsterklärend. – Der Fächer hat den Ortseintrag „Buchholz“, das erst 1949 mit Annaberg zu Annaberg-Buchholz im heutigen Erzgebirgskreis zusammen kam. Auch aus Annaberg ist ein Eintrag vorhanden, aus dem Jahr 1911. Der Fächer stammt aus der Sammlung eines älteren Herren, der mehr als vierzig Jahre lang Fächer sammelte. 

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1Veilchen sind wohl die beliebtesten Blumen auf Tanzstundenfächern gewesen. Sie symbolisieren Bescheidenheit, auch Treue. Auf diesem Fächer sind recht unbescheiden viele Veilchen, also stehen sie wohl für viel Treue … Die Stäbe sind seitlich gekerbt, ebenso oben an den Stabenden; eine Verfeinerung, die – subjektiv – bei frühen Tanzstundenfächern eher anzutreffen ist als bei späteren. Der Fächer, auf Vor- und Rückseite beschrieben ab 1906, erinnert an die Tanzstunden in Dresden und im nahe gelegenen Langebrück, das damals noch nicht eingemeindet war und mit seinen vielen Villen um die Jahrhundertwende als der zweitreichste Ort Sachsens galt. Der Fächer stammt aus einer Haushaltsauflösung in Dresden zu Beginn der 1990er Jahre.

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Von 1907 ist dieser Fächer,  der eine ganz besondere Bemalung hat, die irgendwie gar nicht so anmutet, als sei sie schon über 100 Jahre alt. Keine Veilchen! Ich tippe auf ein Feld voller Margeriten. Ein Feld voller Kamillen bedeutete nämlich Heilung und Trost; eher unwahrscheinlich auf einem Tanzfächer. Margeriten hingegen standen für Natürlichkeit und Wahrheit, dazu der golden leuchtende Pfad … Und nicht zu vergessen Margeriten in ihrer Funktion als Glücksorakel: „Er liebt mich – er liebt mich nicht …“. Ein kleines Rätsel stellt der nebenstehende Eintrag dar: Stammt er von „Deiner Mutter“ oder „Deinem Vetter“? Wohl eher vom Vetter: Das verschlungene Symbol hinter seinem Namen weist ihn als Mitglied einer Schüler- oder Studentenverbindung aus. Diese „Zirkel“ genannten Kürzel stellen die verschlungenen Anfangsbuchstaben des Wahlspruchs der Verbindung dar und werden in einem Zug geschrieben. – Der schöne Fächer stammt aus der Sammlung einer sehr freundlichen ehemaligen Sammlerin aus Oberbayern.

 

 

 

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Die Bemalung auf diesem Fächer ist … nicht so gelungen? Na gut, finde ich ja auch. Immerhin passen aber doch die gemalten Schleifen an den Stabenden zu der realen Schleife am Bügel! Die arg zerschlissen ist und also vermutlich noch orignal, aus dem Jahr 1909 oder früher. War es auch 1909, als das barocke Tanzpaar als schön galt? Auch auf Zelluloidfächern aus den 1920ern tauchen diese Figuren auf. Typisch übrigens für die Fächergestaltung ganz allgemein, dass frühere Motive, gerade aus dem Barock, wieder und wieder eine Renaissance erlebten, was oft eine Datierung erschwert. Mitunter stammen sogar Blatt und Gestell aus unterschiedlichen Epochen … Dieser Fächer jedenfalls stammt aus Lößnitz bei Aue im Vogtland. Er gehörte zu einer Lehrerfamilie, die ursprünglich aus Thüringen kam, wobei unbekannt ist, ob vor oder nach 1909.

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Dieser Fächer ist, glaube ich, der älteste Tanzstundenfächer in meiner Sammlung. Jedenfalls habe ich schonmal irgendwo die Jahreszahl 1902 darauf entdeckt. Ist nicht ganz einfach, da sich die Eintragungen überlagern. Maximale Ressourcenauslastung! Herr Fritz Schütze fand eine Möglichkeit, sich waagerecht auf den Schmalseiten der Stäbe zu verewigen, eine seltene Idee. Das Benutzen verschiedenfarbiger Tinte war nicht immer ganz so erfolgreich, vor der Erfindung des Tintenkillers, ermöglichte aber das offenbar notwendige Überschreiben von schon vorhandenen Einträgen.  Auch bei diesem frühen Tanzstundenfächer sind die Stäbe seitlich gekerbt übrigens. Von seiner Herkunft ist nur bekannt, dass er aus einer Haushaltsauflösung in Thüringen stammt.

 

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Hier ein waschechter Thüringer. Er gehörte der Großmutter der Vorbesitzerin und ist somit sicher lokalisierbar; sicher ist auch, dass er ausschließlich zur Tanzstunde verwandt wurde. Mir gefallen die Tuschezeichnungen in Scherenschnittmanier. Und etwas ganz Besonderes ist die Befestigung des Bandes mit Reißzwecken auf der Rückseite. Vielleicht gab es 1919, kurz nach dem Krieg, gerade keinen Holzleim? Jedenfalls funktioniert es, das Band ist fest, und die Messingreißzwecken haben auch keine Rostspuren im Holz hinterlassen, zum Glück.

 

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